Dr. Anica Plaß​mann

 Privatpraxis für

Paar- und Sexualtherapie

Depressionen

Eine depressive Erkrankung wirkt sich in der Regel negativ auf die Partnerschaft und das Liebesleben aus. Der sogenannte Libidoverlust (keine Lust auf Lust) ist ein typisches Symptom einer Depression. Das erotische Begehren kommt abhanden. Und selbst, wenn man sich auf körperliche Nähe einlässt, macht die Krankheit den eigentlichen Ablauf von sexuellen Begegnungen schwierig. Das eigene Genital funktioniert nicht mehr wie gewohnt. Es gibt Probleme mit der Erektion oder mit der Feuchtigkeit der Vagina. Auch der sexuelle Genuss und die Befriedigung können verringert sein oder ganz ausbleiben. Die Erregbarkeit und Erektionen schwinden entweder durch die Depression selbst oder durch die Medikamente (Antidepressiva). Beispielsweise kann mitten im Geschehen die Erregung regelrecht abebben. Was bleibt ist großer Frust. "Nicht einmal das funkioniert noch!" Und es verunsichert zutiefst.  

Dabei fühlen sich depressive Menschen eh schon wertlos, kraftlos und nicht liebenswert. Sie können sich kaum noch über etwas freuen. Liebgewonnene Hobbys bedeuten ihnen nichts mehr. Und sie empfinden kaum noch etwas für Menschen, die ihnen doch eigentlich nahestehen: ihren Partner, ihre Kinder, Freunde, ... Auch das Liebesgefühl kommt abhanden. Manche von ihnen vegetieren teilnahmslos vor sich hin, während andere rastlos von ihren Sorgen und Ängsten getrieben werden. Das Selbstwertgefühl ist am Boden.

Partner von Menschen mit Depressionen haben schwer daran zu tragen, die Seelentiefs des Anderen mitzuerleben. Sie fühlen sich hilflos. Und das Liebesleben leidet. Einige drängen darauf, es mit dem Sex doch zumindest zu versuchen. "Der Appetit kommt beim Essen" ist der aufmunternd gedachte Ansatz. Schließlich bedeutet der Verlust der gemeinsamen Sexualität immer auch einen Verlust an Lebensqualität für beide. Bedrängt zu werden sorgt aber beim Erkrankten oft zu Druck oder Schuldgefühlen. Er bzw. sie gibt dem Anderen zuliebe nach oder vermeidet erotische Situationen gänzlich. Das führt zu noch mehr Abstand. Enttäuschung, Hoffnungslosigkeit oder Ärger wachsen auf beiden Seiten an. Im Endergebnis ziehen sich beide voneinander zurück oder suchen den erotischen Genuss woanders. Letztlich will man als Gesunder den leidenden Partner ja nicht noch mehr belasten. Und wer sieht sich schon gern als denjenigen, der den geliebten Menschen an seiner Seite sexuell bedrängt? Beide verlieren zusehends den Zusammenhalt durch die kaum noch spürbare Liebe und Nähe.

Meiner Erfahrung nach quälen sich erkrankte Menschen und ihre Partner unnötig lange mit den Beschwerden, bevor sie meine Praxis aufsuchen. Dabei sind Depressionen in jedem Alter eine anerkannte und behandelbare Erkrankung - und sexuelle Probleme klassische Symptome, die ebenso behandelbar sind. Eine Sexualtherapie setzt an, wo andere Ansätze aufhören: Bei den Möglichkeiten, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen, wichtige Grenzen zu schützen und eine Form der Partnerschaft zu entwickeln, die beiden Partnern gerecht wird.

Woran erkenne ich eine Depression?

Depressionen können sich ausgesprochen unterschiedlich zeigen. Und genau das macht es vielen Betroffenen so schwer, die Entwicklung bei sich als depressiv zu erkennen. Die meisten denken, "Wenn ich mich nur genug zusammenreiße, wird´s schon gehen". Die Folge ist dann, sich unnötig lange mit den Beschwerden zu quälen, bis es sogar gefährlich werden kann. Sie finden erst spät den Weg in eine adäquate Behandlung.

Um das Erkennen der Symptome leichter zu machen, habe ich eine 12-Punkte-Liste entwickelt (angelehnt an das Diagnose-Manual ICD-10):

  1. Die Grundstimmung ist gedrückt, niedergeschlagen, traurig, melancholisch
  2. Freudlosigkeit und Verlust des Interesses an nahestehenden Personen wie dem Partner, den Kindern oder Freunden und fehlendes Interesse an Aktivitäten, die früher Freude bereitet haben
  3. Rasche Ermüdbarkeit, deutliche Erschöpfung und Kraftlosigkeit, Mangel an Antrieb oder Motivation, sich "mal aufzuraffen". Dies wird umgangssprachlich oft als "Burnout" bezeichnet
  4. Es entsteht der Eindruck, nicht genug zu schaffen; wertlos zu sein. Das Selbstvertrauen sinkt
  5. Betroffene machen sich grundlos selbst Vorwürfe oder haben Schuldgefühle
  6. Sie können sich schlechter konzentrieren und verlieren gehäuft den "roten Faden". Viele stellen bei sich Vergesslichkeit fest. Sie können sich schlecht entscheiden und grübeln viel
  7. Der Bewegungsdrang ist verändert. Bei einigen ist er vermindert. Diese Menschen ziehen sich stark zurück und sprechen kaum noch. Andere Betroffene sind hingegen sehr unruhig, nahezu hektisch und werden von Ängsten und Sorgen angetrieben, über die sie sehr oft sprechen. Das kann im Miteinander sehr belastend sein
  8. Es kann zu Problemen beim Einschlafen, Durchschlafen und zum typischen "Früherwachen" mindestens 2 Stunden vor der üblichen Zeit kommen
  9. Der Appetit ist vermindert oder verstärkt. Es kann zu deutlichen Gewichtsveränderungen kommen
  10. Das Interesse an sexuellen Aktivitäten sinkt oder ist gar nicht vorhanden
  11. Das "Morgentief" macht die ersten Stunden des Tages schwer. Die Stimmung ist am Morgen bzw. Vormittag deutlich schlechter als zu späteren Tageszeiten
  12. Selbstmordgedanken und -handlungen können auftreten (20-60% aller an Depression Erkrankten unternehmen mindestens einen Suizidversuch)

Treten mehrere der Symptome über mindestens 2 Wochen hinweg auf, ist eine depressive Episode bzw. eine Depression in Betracht zu ziehen.

Wichtig:

Aufgrund der Vergesslichkeit und des veränderten Verhaltens werden Depressionen bei älteren Menschen oft fälschlicherweise als Demenz eingestuft. Experten sprechen von einer "Pseudodemenz", wenn die Beschwerden nicht von einer Demenz, sondern von einer Depression herrühren. Hier ist eine sorgfältige Befunderhebung die Grundlage einer erfolgsversprechenden Behandlung.